Junge Pädagogen

Wir brauchen Ganztagsschulen, die auch Ganztagsschulen sind!

Das Land Rheinland-Pfalz will als erstes Bundesland bis zum Jahr 2006 ein landesweites Ganztagsangebot an den Schulen einführen. 20 % der Schulen sollen ein ganztägiges pädagogisches Programm anbieten. Im Schuljahr 2002/2003 sind in einer ersten Runde 81 neue Ganztagschulen eingerichtet worden, für das Schuljahr 2003/2004 sind es weitere 83. Im vorläufigen Endausbau im Jahr 2006 soll es 300 neue Ganztagsschulen geben.


Der VBE stellt fest:

Die Einführung neuer Ganztagsschulen ist ein wichtiger Schritt zur zeitgemäßen Reform des Bildungswesens. Ganztagsschulen bieten Chancen für

bessere Möglichkeiten der inneren und äußeren Differenzierung des Unterrichts und damit für ein stärkeres Eingehen auf die spezifischen Lebenssituationen und Interessen der Schüler;
eine Verlegung von Übung und Vertiefung des Lehrstoffs in die Schule, größere Hilfen für sozialkulturell benachteiligte Schüler;
einen breiteren Raum für künstlerische, sportliche und spielerische Betätigungen und damit einen Ausgleich zur vorrangig kognitiven Ausrichtung schulischen Lernens;
eingehende Beobachtungsmöglichkeiten der Schüler, mehr Möglichkeiten einer positiven Gestaltung des Schullebens.

Solche pädagogischen Chancen bieten sich in Ganztagsschulen, die den Unterricht über den Tag verteilt neu organisieren. Das rheinland-pfälzische Modell führt allerdings als eine Mischform aus verpflichtender und offener Ganztagschule zu einer Erweiterung der Halbtagsschulen um ein pädagogisches Angebot, das vor allem dem gestiegenen Bedarf an Betreuung bei den Eltern entgegenkommt.

Auf dem Hintergrund der bisherigen Erfahrungen mit den neuen Ganztagsschulen gibt der VBE zu bedenken:

Die Erwartungen der Eltern an die Ganztagsschulen sind sehr hoch. Ihre Erwartungen richten sich vor allem auf Hausaufgabenbetreuung, individuelle Lernförderung, soziale Betreuung.
Das rheinland-pfälzische Konzept als eine Mischform aus Freiwilligkeit und Pflicht erweist sich vielerorts als problematisch, weil es ausschließlich nachfrageorientiert ist und - insbesondere im Bereich der Sekundarstufe I – zu einem ständigen „Kampf um Schüler“ führt.
Die Rahmenbedingungen werden von den Schulen in aller Regel als unzureichend angesehen.

An erster Stelle der Mängelliste rangiert dabei die Lehrerversorgung, die nach Maßgabe der Einrichtungsbedingungen bei weitem nicht ausgeschöpft wurde (Die personelle Ausstattung des Ganztagsangebots vollzieht sich zu ca. 50% über Lehrkräfte, vorgesehen sind bis zu 66 %; die übrigen Beschäftigten sind Pädagogische Fachkräfte und externe Kräfte(in der Regel ohne pädagogische Ausbildung), die über Zeitverträge angestellt werden).

An zweiter Stelle sind schlechte räumliche Bedingungen ein negativer Faktor, insbesondere beim Mittagessen und für die zusätzlichen Angebote. Eine Änderung der Schulbaurichtlinien für die Einrichtung von Ganztagsschulen ist unumgänglich.

Drittens ist – entgegen der klaren Ankündigung der Landesregierung – die Belastung der im Ganztagsbetrieb tätigen Lehrerinnen und Lehrer, vor allem auch der Schulleitungen, enorm angestiegen, ohne dass es dafür einen Ausgleich gibt oder dieser in Aussicht gestellt wird.

Der VBE sieht folgende Trends der Ganztagschulentwicklung in Rheinland-Pfalz:

Schulen mit einer „Ganztagstradition“ (Schulen also, die vor Einführung der neuen Ganztagsschulen schon über ein vergleichbares Angebot verfügten) weisen eine entsprechende Ganztagskultur auf. Sie finden im sozialen Umfeld stabile bzw. steigende Akzeptanz.
An Grundschulen findet sich eine hohe Akzeptanz nicht nur der Eltern, sondern auch der Schüler/innen. Eine entscheidende Voraussetzung dafür liegt u.a. im Erhalt der sozialen Zusammenhänge, d.h., die Schüler/innen einer sozialen Region bleiben zusammen, Freundeskreise bleiben im Prinzip bestehen. Schüler/innen der Grundschulen sind noch nicht getrennt nach Schularten, sie benötigen nicht ihre freie Zeit, um mit Mitschülern auf anderen Schulen – wie in der Sekundarstufe I - wieder zusammenzutreffen
Schulen in der Sekundarstufe I haben mit einer informellen „Zweiklassengesellschaft“ der Jugendlichen zu tun. So gibt es einerseits eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern, die in die Ganztagsschule „müssen“ und andererseits eine Gruppe Jugendlicher, die ihre Freizeit selber, also „frei“ gestalten können. Die Ganztagsschule ist hier bei den Jugendlichen viel eher mit dem Stigma des Zwangs belegt als an Grundschulen.


Der VBE schlägt vor:

Die erkennbaren Trends machen deutlich, dass Korrekturen bzw. Verbesserungen in den Bereichen von Elternerwartungen, Konzeption und Rahmenbedingungen zu einer Stärkung der Ganztagsschul-Entwicklung führen können.

Erstens:

Den Eltern muss deutlicher und konkreter gesagt werden, was sie von einer Ganztagsschule erwarten können – und was nicht. Die Ganztagsschule kann zentrale erzieherische Funktionen des Elternhauses nicht ersetzen. Die Akzeptanz der Ganztagsschule muss aus ihrem pädagogischen Angebot und ihrem sozialen Konzept erwachsen – nicht aus dem Ersatz für familiäre Unterstützung.

Zweitens:
Der „Zwitter-Charakter“ des rheinland-pfälzischen Ganztagsschul-Konzepts aus Freiwilligkeit und Zwang wird unter den Bedingungen rückläufiger Schülerzahlen zunehmend zu Bestandsproblemen“ führen. Dies gilt vor allem für die weiterführenden Schulen. Auf diesem Hintergrund bieten sich zwei Lösungslinien an:

der Einstieg in ein verpflichtendes Ganztagsschul-Programm, z. B. über die Einrichtung von Ganztagsklassen, die stufenweise zu einer „vollen“ Ganztagsschule führen;
die Flexibilisierung des freiwilligen Nachmittagsangebots mit einer Reduzierung auf z.B. drei Nachmittage, so dass Jugendliche auch noch außerschulische Freizeitangebote wahrnehmen können.

Drittens:
Konzeptionelle Verbesserungen und eine Erhöhung der Akzeptanz erfordern eine Verbesserung der Rahmenbedingungen im Bereich der Lehrerversorgung, der Schulbaurichtlinien und der Arbeitsbedingungen der Lehrkräfte.

Bei allen Mängeln hat das rheinland-pfälzische Ganztagsschulprogramm dennoch das Potential für eine umfassende Reform des Schulwesens, wenn konsequent auf Ganztagsschule und nicht nur auf Ganztagsbetreuung hingearbeitet wird.


Der VBE fordert:


Ganztagsschulen dürfen nicht den Charakter einer pädagogischen Verwahrung erhalten; ihr pädagogischer Auftrag ist in erster Linie durch Unterricht definiert, der von Lehrkräften erteilt wird. Betreuung ist eine zusätzliche/ergänzende Aufgabe.

Die Versorgung des Ganztagsangebots mit Lehrkräften muss voll ausgeschöpft werden.

Die schulpolitische Bedeutung der Ganztagsschul-Entwicklung darf nicht zu Lasten anderer Schularten gehen – wie insgesamt die Behebung von Defiziten an anderen Schularten nicht unter der Ganztagsschul-Entwicklung leiden darf.

Die Einführung eines Ganztagsangebots muss für die Schulen freiwillig sein – bei einem hohen Grad an Selbstgestaltungsmöglichkeiten.

Die Räumlichkeiten an Ganztagsschulen müssen bedarfsgerecht ausgebaut werden.

Die Klassengrößen sind entsprechend des pädagogischen und organisatorischen Konzeptes zu senken.

Mehrarbeit der beschäftigten Lehrkräfte und Pädagogischen Fachkräfte darf es nicht geben.

Pädagogisch externe Angebote sind als Zusatzangebote zu organisieren, sie können Unterricht nicht ersetzen.

Zum Ausgleich von Lehrermangel sind keine „Hilfskräfte“ zu beschäftigen; auch die Mitarbeit ehrenamtlicher Personen kann nur als Ergänzung, nicht als Ersatz geschehen.

Zur Ausschöpfung des pädagogischen Potentials von Ganztagsschulen ist stufenweise die verpflichtende Ganztagsschule einzuführen, z.B. über die zunehmende Einrichtung von Ganztagsklassen. Nur die verpflichtende Ganztagsschule bietet die Möglichkeit, für alle Kinder bzw. Jugendlichen eine Neuorganisation des Unterrichts und der unterschiedlichen Lernphasen über den ganzen Tag verteilt anbieten zu können.

Halbe Sachen gibt es in der Bildungspolitik genug. Wir brauchen Ganztagsschulen, die auch Ganztagsschulen sind!