Zum VBE-Schuljahresplaner

Argumente für soziale Gleichstellung der LehrerInnen unterschiedlicher Schularten

Die wichtigsten Argumente im Einzelnen:

1. Die berufspolitischen Konsequenzen der Schulreformen in Rheinland-Pfalz

Umfassende Bildungsreformen verändern in Rheinland-Pfalz die Schullandschaft, alle Bildungsbereiche sind betroffen. Das hat Folgen für alle pädagogischen Ambitionen – und somit auch für den Lehrerberuf selbst. Die Entwicklungen verändern den Lehrerberuf nachhaltig und rufen alte Fragen neu auf – z.B. jene nach der sozialen Legitimation einer Hierarchie unter den Lehrern unterschiedlicher Schularten.

Grundschularbeit: Pädagogisch hochwertig und sozial vielseitig
Die letzten Jahrzehnte haben die Arbeit in der Grundschule grundlegend verändert. Unterricht in der Schuleingangsphase bei einer zunehmend heterogenen Schülerschaft, neue Lernrhythmen in der Vollen Halbtagsschule, verbale Beurteilungen allenthalben, Fremdsprache ab Klasse 1, Integration beeinträchtigter Kinder, die Erstellung individueller Lernpläne und Portfolios – das sind nur einige Beispiele der inneren Neukonstruktion der Grundschule. Es gilt das pädagogische Ziel: Mehr individuelle Förderung für alle!

Die Arbeit der Grundschullehrer/-innen ist heute pädagogisch so hochwertig und sozial vielseitig, dass man von Seiten der politisch Verantwortlichen nur ein Argument kennt, um ihren Status aufzuwerten: Eine Gleichstellung ist zu teuer! Dabei liegt unser Land im internationalen Vergleich bei den Bildungsausgaben für die Grundschulen weit unter Durchschnitt.

Sekundarstufe I: Mehr Heterogenität und Differenzierung
Bei Lehrerinnen und Lehrern an integrierten und teilintegrierten Schularten der Sekundarstufe I ist die Gleichwertigkeit ihrer Arbeit noch offensichtlicher. War die Arbeit früher bestimmt durch den Unterricht und dessen Vor- und Nachbereitung, kommen heute überall umfangreiche Beratungstätigkeiten hinzu – gegenüber Eltern, den Schülerinnen und Schülern selbst und gegenüber anderen pädagogischen Institutionen, z. B. der Jugendhilfe. „Pädagogisches Coaching“ könnte man dazu sagen.

Zwar wurde die Unterrichtsverpflichtung mittlerweile angepasst, aber die Besoldung unterscheidet sich z. B. zwischen Haupt- und Realschullehrern um eine Stufe. Die Schule ist dieselbe, die Schülerinnen und Schülerinnen sind dieselben – aber gleiches Geld für gleiche Arbeit? Mitnichten! Kaum zu glauben: Zuerst verwehrt man eine gleichwertige Ausbildung, dann muss diese Differenz als Argument dafür herhalten, dass eine Gleichstellung nicht möglich ist. So sortiert man die Lehrerschaft!

Förderschularbeit: Inklusion schafft gleiche Voraussetzungen
Im Bereich der Förderschulen haben sich ebenso die Zeiten verändert. Auch in Zeiten der bevorstehenden Inklusion ist heute weitgehend anerkannt, dass es bei allen Bemühungen, behinderte bzw. beeinträchtigte Kinder und Jugendlicher gemeinsam zu unterrichten, besondere Einrichtungen für eine bessere Förderung dieser Kinder und Jugendlichen geben muss.

Das Integrationsproblem liegt dabei gar nicht einmal bei den Förderschulen selbst. Wären die „Regelschulen“ so ausgestattet, dass sie die Förderung in adäquater Weise leisten könnten, dann müssten sie über weit bessere personelle und materielle Ressourcen verfügen. Dafür werden die Mittel aber nicht zur Verfügung gestellt – die eigenständige Förderschule ist für die Politik letztlich die „günstigere“ Lösung.

Förderschullehrer/-innen sind heute Spezialisten in ihrem Fach, die jedes Kind so individuell im Visier haben, wie dies in einem öffentlichen Schulsystem überhaupt möglich ist. Sie stehen darüber hinaus allen übrigen Schularten für die Diagnose von Beeinträchtigungen zur Verfügung.

2. Die soziale Spaltung der Lehrer

Laufbahnrecht von gestern

Das Dienstrecht der Lehrerinnen und Lehrer ist – soweit sie Beamtinnen und Beamte sind, und das ist nach wie vor die Regel – ein Laufbahnrecht. Es gibt - noch - den „gehobenen“ und den „höheren“ Dienst für die Einordnung der Lehrämter. Ein Wechsel zwischen diesen Laufbahnen ist zwar nicht unmöglich, aber mit hohen Hürden versehen.

Ursprünglich wurden Lehrerinnen und Lehrer entsprechend der vorhandenen Schularten unterschiedlich ausgebildet – als Volksschullehrer, Realschullehrer oder Gymnasiallehrer. Doch während sich die Schullandschaft veränderte, blieben die beruflichen Strukturen der Lehrer bzw. ihre Ausbildungen die gleichen – obwohl sich die Tätigkeitsbereiche mehr und mehr überschnitten.

Die vergleichbaren Unterschiede finden sich noch heute vor allem im Grundgehalt zwischen den Lehrkräften; diese wiederum sind nach Dienstaltersstufen gestaffelt. Hinzukommen im Zuge der Dienstrechtsreform in Rheinland-Pfalz die Beförderungsstufen A12+Z sowie A13+Z (unterschiedlich nach Lehrämtern), die im gehobenen Dienst eingeführt werden. Vorher gab es solche Beförderungsstufen – anders als im Gymnasiallehramt – nicht.


Vergleich der Grundgehälter der Besoldungsgruppen A 12 und A13 (Angaben in €)

Grundgehälter


Es bedarf heute keiner unterschiedlichen Laufbahnen mehr! Durch Fortbildung und durch den Erwerb zusätzlicher Qualifikationen sollte ein „Durchstieg“ möglich sein - ohne Laufbahngrenzen. Vorausgesetzt, es gibt überhaupt entsprechende Beförderungsstellen. Auch hierbei unterscheiden sich die Möglichkeiten der Lehrerinnen und Lehrer nach Schulart beträchtlich.

Dienstrechtsreform: Verpasste Chancen
Nach der Föderalismusreform, die die Besoldungskompetenzen und das Recht zur Ausgestaltung des Dienstrechts auf die Länder übertragen hat, wird es auch in Rheinland-Pfalz ein neues Laufbahnrecht geben. Die von der Landesregierung zuletzt vorgeschlagene Dienstrechtsreform ist aus Sicht des VBE nur ein winziger Schritt zu mehr sozialer Gerechtigkeit unter den Lehrerinnen und Lehrern.

Auch wenn es dann eine Einteilung in den einfachen, mittleren, gehobenen und höheren Dienst möglicherweise nicht mehr gibt, wird die Trennung zwischen den Lehrämtern letztlich auf andere Weise zementiert. Was heute höherer Dienst heißt, wird es danach auch morgen sein.

Lehrerbildungsreform: Festhalten an alten Strukturen
Die Reform der Lehrerbildung in Rheinland-Pfalz soll an den traditionellen Strukturen der Lehrerschaft etwas ändern, indem ein (weitgehend) gemeinsames Grundstudium eingeführt wird. Aber in der Masterphase läuft alles wieder auseinander mit unterschiedlich langen Ausbildungszeiten. Damit werden die Grundlagen für ein Dienstrecht, das seine Ursprünge im 19. Jahrhundert hat, kritiklos ins 21. Jahrhundert übernommen.

Die Einführung des Lehramtes Realschule plus ist zwar ein Lichtblick für jene, die nach der Ausbildung an diesen Schulen tätig sein werden. Sie sollen nach A13 besoldet werden. Aber dies verbessert nicht die Situation der ca. 6.000 Kolleginnen und Kollegen an den Realschulen plus, die auch in den kommenden Jahren noch im Lehramt Grund- und Hauptschule tätig sind. Darüber hinaus werden alle Grundschullehrkräfte benachteiligt, denen man nach wie vor eine gleich lange Ausbildung verweigert.

Gleichstellung auch für TV-L- und TVöD-Beschäftigte!
Nicht alle Lehrerinnen und Lehrer sind verbeamtet. Die Zahl der im Tarifbereich beschäftigten Lehrerinnen und Lehrer steigt ständig. Sie werden beschäftigt als „Feuerwehrlehrkraft“, als Seiteneinsteiger, als „für die Verbeamtung zu alt“ oder weil sonstige Voraussetzungen für die Verbeamtung fehlen. Hinzu kommen noch die Pädagogischen Fachkräfte, die im Sinne der „Dienstordnung“ Lehrerinnen und Lehrer sind.

Die Nettogehalts-Differenz eines Beschäftigten gegenüber einem gleichwertig tätigen Beamten beträgt einige hundert Euro. Dazu kommt, dass Rheinland-Pfalz im Vergleich zu anderen Ländern seine tarifbeschäftigten Lehrkräfte bei Neueinstellung relativ schlecht in die Entgeltstufen des Tarifvertrags für den öffentlichen Dienst der Länder (TV-L) einstuft. Gleichbehandlung würde zumindest bedeuten, eine bessere Entgeltstufe zu gewähren.

3. Mehr Gerechtigkeit wa(a)gen – Gleichstellung der Lehrer schaffen!

Der Ausbau integrierter Lernformen und Organisationsstrukturen an allen Schulen erfordert eine Neugestaltung der überkommenen Strukturen des Dienstrechts im Lehrerberuf. Alle Lehrer/-innen sind heute Expertinnen und Experten für die Planung, Organisation und Begleitung individueller Bildungsbiografien der Kinder und Jugendlichen – ohne Unterschied der Schulart. Dieser Anspruch duldet keine Unterschiede in ihrer Ausbildung, in Deputat und Status.

Damit die Forderung des VBE Rheinland-Pfalz nach Gleichstellung der Lehrerinnen und Lehrer dienstrechtlich geregelt werden kann, setzt der VBE auf einen Bewährungsaufstieg. Beim Bewährungsaufstieg gilt berufliche Erfahrung als Qualifizierung. Ein Aufstieg durch zusätzliche Qualifizierung widerspricht dem Gleichheitsgedanken und stabilisiert ein unsoziales Dienstrecht.

FORSA-Umfrage belegt: Die Mehrheit der Bevölkerung ist für Gleichstellung
Dabei wissen wir auch die deutsche Bevölkerung auf unserer Seite. Nach dem Ergebnis einer FORSA-Umfrage sind 71% der Bundesbürger gegen eine unterschiedliche Bezahlung der Lehrerinnen und Lehrer nach Schularten. Wir haben also die Mehrheit hinter uns! (vgl. Anlage)

Dieses Ergebnis ist ein bildungspolitischer Paukenschlag. Dass sich drei Viertel aller 18- bis 44-jährigen Bürger dafür aussprechen,Grundschullehrer den Lehrern an weiterführenden Schulen gleichzustellen,zeigt, dass in der Bundesrepublik eine klare Mehrheit das alte Ständedenken ablehnt. Die demokratische Idee von der Gleichwertigkeit der Lehrerarbeit wird längst von der Mehrheit der Bevölkerung unterstützt.

Selbst unter unionsorientierten Bürgern sowie über 60-Jährigen sprechen sich zwei Drittel für eine Gleichstellung der Grundschulkollegen in Ausbildung und Bezahlung aus. Das Denken der Bundesbürger ist damit deutlich moderner als das der Politik.

Was „kostet“ die Gleichstellung?
Die Gleichstellung der Lehrkräfte ist nicht zum Nulltarif zu haben; aber das gilt für mehr soziale Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft insgesamt.

Basierend auf einer Besoldungsdifferenz zwischen den Stufen A 12 und A 13 „kostet“ die Gleichstellung der Lehrkräfte an Integrierten Gesamtschulen und Realschulen plus ca. 25 Mio jährlich. Für die Gleichstellung der Lehrkräfte an Grundschulen sind weitere € 45 Mio. zu veranschlagen. Das würde einer Steigerung des Personalhaushalts für die Lehrkräfte in Rheinland-Pfalz um ca. 3,5 % entsprechen.

Angesichts der horrenden Summen, die in der vergangenen Zeit für die Bankenrettung und spezielle Projekte der Landesregierung aufgewendet wurden, ist dies ein geringer Betrag für mehr soziale Gerechtigkeit, der sich überdies in der gesellschaftlichen Entwicklung nachhaltig niederschlägt.

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Besoldung an RS+ und IGS:
A 13 / WP II

Gerechtigkeit für Lehrer